Der Comicsalon 2006 macht Hoffnung auf eine nachhaltige Entwicklung der deutschen Szene
Der
Comicsalon in Erlangen ist für die Comicgemeinde ein Ort, an dem viele Fäden zusammenlaufen. Neben zahlreichen Produkten, die auf dieses Datum hin erscheinen, ist der Salon auch ein wichtiges Experimentierfeld für junge, noch weitgehend unbekannte Zeichner, die im "jungen Forum", dem Comicseminar oder am Stand ihrer Verlage auf Tuchfühlung mit einem nicht unwesentlichen Teil der deutschen Leserschaft gehen können.

Dieses Jahr hatte sich der Comicsalon als inhaltlichen Schwerpunkt die einheimische Comicproduktion auf die Fahnen geschrieben, und was damit an die Oberfläche gespült, und nun vielerorts als "neue Generation" von Erzählern gehandelt wird, ist für Leser des Hamburger Magazin
Orang größtenteils bekanntes Terrain. Orang-Herausgeber
Sascha Hommer durfte sich über gute Verkaufszahlen seines bei
Reprodukt erschienenen Debuts
"Insekt" freuen, ebenso wie
Arne Bellstorf allen Grund zur Freude hatte: ihm wurde dieses Jahr für sein 2005 bei
Reprodukt erschienenes Album
"acht, neun, zehn" der
ICOM Independent Preis in der Kategorie
Bester Independent Comic verliehen. Einige der Käufer am Stand von Reprodukt hatten Arbeiten der beiden Zeichner in der von
Kai Pfeiffer kuratierten Ausstellung
"Kleiner als das Leben, größer als die Realität" gesehen, die das große erzählerische Potenzial einer jungen deutschen Zeichnerszene präsentierte, darunter auch Arbeiten der Orang-Künstlerinnen
Line Hoven und
Kati Rickenbach.
Der Begleitband zur Ausstellung, die Erstausgabe des beim Berliner
avant-verlag als Periodikum geplanten
Flitter, bedient sich im Vorwort einer sanften Polemik, um einen Generationsbruch zwischen den, so
Kai Pfeiffer, der "Bildenden Kunst" zugewandten Zeichnern der Avantgarde der 90er Jahre und den Erzählern der Jetztzeit zu behaupten.

Die ebenfalls aus Hamburg stammende Anthologie
Spring hat sich mit ihrer dritten Ausgabe - eine solche Tendenz war von der ersten Ausgabe an erkennbar - fast gänzlich der Comic-Erzählung abgewandt. Ausser Ex-
Orang-Künstlerin
Claire Lenkova scheint es in dem ausschließlich von Frauen bespielten Sammelband keinen Träger mehr zu geben für die comictypisch dichte Verschränkung von Text und Bild, die je nach persönlicher Leseerfahrung unnötige Konvention oder "Mehrwert für das Geschichtenerzählen" (
Jens Balzer) darstellt.

Ganz der Erforschung des genannten Mehrwerts hat sich dagegen die neue Ausgabe des traditionsreichen Magazins
Strapazin verschrieben; mit ihrer Ausgabe 83 wenden sich die Schweizer Zeichner und Gestalter, darunter
Orang-Künstlerin
Kati Rickenbach, dem OuBaPotischen Comic zu, also dem Erzählen unter generativen Zwängen. Offenbar ist das OuBaPotische Experiment gescheitert, denn warum sonst zeitigt die Methode seit Erscheinen des
Schreibheftes Nr.51 im Jahr 1998 keine wesentlich neuen Ergebnisse?
Die bei
Spring und
Orang gleichermassen aktive Malerin
Moki (von ihr ist auch das abgebildete
Spring-Cover) wurde beim diesjährigen Comicsalon ebenfalls mit einem Preis bedacht: für ihre in
Panik Elektro 3 abgedruckte Geschichte
"Borderland" wurde ihr der
ICOM Independent Preis in der Kategorie
Herausragendes Artwork verliehen. Einen weiteren
ICOM Independent Preis erhielt
Ulli Lust für ihr Online-Projekt
electrocomics.com, bei dem u. a.
Kati Rickenbach und
Michelangelo Setola mitwirken.
"Durch Comic-Deutschland ist ein Ruck gegangen - ungeahnte Talente in Erlangen", titelt die
Süddeutsche Zeitung am 18.06. - das ist natürlich ein wenig rüpelhaft mit dem "Ruck", aber im Grunde geben wir dem Autor recht.